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Mikronationen - „History will be made in August 2003...“Mutig beginnt die Dokumentation zum 7. Amorph! Performance Festival, das vom 29. bis 31. August in Helsinki stattfinden wird. Das Programm wird abgerundet durch eine Reihe von künstlerischen Aktivitäten, die den alltagrelevanten Fragen und dem gemeinsamen Nenner der Mikronationen einen Parallel-Ausdruck verleihen wollen. Wie sehen die Künstler ein Nationalgericht einer Mikronation, wie könnte ein Denkmal aussehen? Unter den teilnehmende Mikronationen befindet sich auch Ladonia (www.ladonia.net), die mit über 10.000 Bürgern und einem kleinen Territorium im schwedischen Naturschutzgebiet medienbewusst eine große Öffentlichkeit erreichte, so dass sie sich Anfang 2002 einem ungewöhnlichen Problem stellen musste, als über 3000 Pakistanis Anträge auf Einbürgerung eingereicht haben. An diesem Amorph!03 Festival wird zum ersten Mal Tuchfühlung geboten, mit dem noch diffusen Phänomen Mikronation.
Eine zweite Gruppe umfasst identitätsstiftende Nationen, wie z.B. Eslo ( www.geocities.com/eslonian/ ). Ihr Kern liegt auf der nach eigenen Überzeugungen und Zukunftserwartungen aufgestellten Verfassung und auf der Expansion der eigenen Idee, z.B. in Form von Bündnissen mit ähnlich gesinnten Staaten.
„Einmal mehr besteht Bedarf an Träumern, die denken, und an Denkern, die träumen. Es geht nicht darum ein Gesellschaftsmodell vorzulegen. Die Gesellschaft muss vielmehr in einer Art und Weise gesehen und analysiert werden, die mit Hilfe eines neuen konzeptuellen Gerüsts früher oder später einen Bruch mit der liberalen Ideologie zulässt.“fordert Ignatio Ramonet. Die seriöseren Mikronationen schaffen neue Systeme der Orientierung und der Koordination, gleichwohl deren Prüfung an realen Umständen noch aussteht. Das noch junge aber wachsende Phänomen indiziert insofern eine gesellschaftliche Avantgarde, die nicht auf die Entwicklungen der Zukunft warten will, sondern vielmehr auf diese einzuwirken beabsichtigt, d.h. ihren Erwartungen bzw. Forderungen an die Zukunft, an die Rolle des Staates, an die Leitideen der Gesellschaft einen öffentlichen, geistigen und physischen Raum geben will. Um der „durchgängigen Kommerzialisierung von Wörtern und Dingen, Körper und Geist, Natur und Kultur...“ entgegen zu wirken fordert weiter der Direktor von Le Monde Diplomathique und Ehrenpräsident von Attac International dazu auf „eine andere Zukunft in Angriff zu nehmen“, wovon die weltweite Emanzipation der Frauen nur eine der konkret genannten politischen Zielvorgaben für das 21. Jhd. darstellt. In den allzugänglichen Kommunikationsorganen der einzelnen Mikronationen, den Diskussionsforen, werden ebenfalls politische Zielvorgaben debattiert. Es werden häufig bessere Bedingungen für kommerzielle Unternehmungen (v.a. Steuerfreiheit), Schutz der Regenwälder als oberstes Prinzip, oder Ideen des Sozialismus sowie altbekannte, aber scheinbar vergessene Werte der Freundschaft, Freiheit (und damit Selbstverantwortung!) und Gerechtigkeit quer durch die Nationen genannt. Unterdessen entwickelt in der realen Welt Guido Palazzo auf Grundlage und in Differenzierung der politischen Theorie von Jürgen Habermas Thesen zur Demokratie der Mitte, die auf der Annahme basieren „dass Menschen lieber Subjekt als Objekt ihres Lebens sind und Gesellschaften so organisiert werden können, dass ihnen entsprechende Möglichkeiten gegeben werden“. Ohne Zweifel eine zentrale Zukunftsaufgabe. Während der deutsche Forschungsdialog Futur, eine vom BMBF geführte Foresight-Initiative (www.futur.de), das Ziel verfolgt den zukünftigen Bedarf der Gesellschaft in umfangreichen, interdisziplinären Experten-Workshops und –Konferenzen im Dialog zu erkunden und daraus Themenfelder für die Forschungspolitik zu entwickeln. Bürgerwünsche aus Mikronationen – eine Ideen-Fundgrube?? In der Zukunftsforschung wurde schon vielfach auf die Rolle der insbesondere Science-Fiction-Literatur als Ideenlieferantin (wenn nicht Ursache) für neue Kulturelemente, Technologien, Produkte und auch Werte der heutigen und zukünftigen Gesellschaften hingewiesen, wie es Karlheinz und Angela Steinmüller in zahlreichen Publikationen eindrucksvoll zeigen. Die in der Literatur weitgehend ausgeschöpften Ideen von gesellschaftlichen Utopien finden durch das Medium Internet, so scheint es, eine reizvolle Fortsetzung. Welche konkreten besseren Zustände, Zielvorgaben oder Ideen die an dem 1. Gipfel teilnehmenden Mikronationen anbieten, kann der interessierte Besucher des Amorph!03 Festivals selbst erfragen. In Helsinki werden auf der nahe gelegenen Halbinsel Harakka temporäre Botschaften eingerichtet, Vorträge von Abgesandten gehalten, Selbstdarstellungen präsentiert, Zeremonien abgehalten, und für den überzeugten „Überläufer“ Antragsformulare für die Staatszugehörigkeit bereitgestellt. (Junge Welt Nr. 202 vom 30./31.08.2003, Feuilleton S. 13, Originalfassung)
publikationen: [texte zur zukunftsforschung] [Trendbeobachtungen]
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