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Mikronationen - „History will be made in August 2003...“

Mutig beginnt die Dokumentation zum 7. Amorph! Performance Festival, das vom 29. bis 31. August in Helsinki stattfinden wird.
Den Rahmen der diesjährigen Veranstaltung bildet der 1. Gipfel von Mikronationen, zu dem Präsidenten, Könige und Botschafter von selbst gemachten Staaten geladen wurden. Eigenartige Flaggen werden flattern, noch nie gehörte Nationalhymnen ertönen, wenn die Abgesandten zur Galaeröffnung in die berühmte Finnlandia Hall einziehen werden, in der einst KSZE-Konferenzen abgehalten wurden.

Das Programm wird abgerundet durch eine Reihe von künstlerischen Aktivitäten, die den alltagrelevanten Fragen und dem gemeinsamen Nenner der Mikronationen einen Parallel-Ausdruck verleihen wollen. Wie sehen die Künstler ein Nationalgericht einer Mikronation, wie könnte ein Denkmal aussehen?
HR Giger z.B. manifestiert seine Vorstellung von territorialen Freiräumen und Unabhängigkeiten in einer Skulptur für den State of Sabotage (www.sabotage.at).

Unter den teilnehmende Mikronationen befindet sich auch Ladonia (www.ladonia.net), die mit über 10.000 Bürgern und einem kleinen Territorium im schwedischen Naturschutzgebiet medienbewusst eine große Öffentlichkeit erreichte, so dass sie sich Anfang 2002 einem ungewöhnlichen Problem stellen musste, als über 3000 Pakistanis Anträge auf Einbürgerung eingereicht haben.
Eine einzigartige geladene Nation, ist das 1967 gegründete Principality of Sealand, dem in einem Streitfall mit britischen Marineeinheiten indirekt Unabhängigkeit zuerkannt werden musste, bevor die Vereinten Nationen in der Seerechtskonvention vom 10. Dezember 1982 die Gerichtsbarkeit über internationale Gewässer an die nahe gelegenen großen Nationen übertrug.

An diesem Amorph!03 Festival wird zum ersten Mal Tuchfühlung geboten, mit dem noch diffusen Phänomen Mikronation.
Mikronationen stellen zunächst virtuelle Staaten im Internet dar. Diese werden absolutistisch, parlamentarisch, durch direkte Demokratie oder in Mischformen konstituiert und verwaltet. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile schon über 50 Mikronationen, weltweit dürften es Hunderte sein. Im deutschsprachigen Raum bilden die größte Gruppe ernst gemeinte politische Staatssimulationen, wie z.B. Alpinia (www.alpinia.de). Vielfach können hier die Prozesse in einer Demokratie, von einer Gesetzesidee über die Formulierung und Überzeugungsarbeit bis hin zur Verabschiedung erfahren werden. Gründung von Firmen und Organisationen, soziale Dienstleistungen etc. können besser, neu oder einfach nur anders gestaltet werden.

Eine zweite Gruppe umfasst identitätsstiftende Nationen, wie z.B. Eslo ( www.geocities.com/eslonian/ ). Ihr Kern liegt auf der nach eigenen Überzeugungen und Zukunftserwartungen aufgestellten Verfassung und auf der Expansion der eigenen Idee, z.B. in Form von Bündnissen mit ähnlich gesinnten Staaten.
Eine hybride Form bildet eine weitere Gruppe von Nationen, die nicht nur virtuell existieren, sondern Anspruch auf eigenes Territorium und staatliche Souveränität bereits erheben, wie Sealand ( www.sealandgov.com/ ), oder zu erheben planen, wie das 16.676 mannstarke Cyber Jugoslavia ( www.juga.com).
Schließlich werden häufig spaß- und hobbyorientierte Gemeinschaften, wie das Kaiserreich Drachenstein ( wald.heim.at/urwald/541495/drachenstein/ ) oder die Vereinigten Emirate der Mikrowellenköche (mitglied.lycos.de/VEM/ ) ebenfalls dazugezählt.
Wie ihre realen Pendants, verfügen die Modell-Staaten über eine eigene Nationalflagge, Briefmarken, Pässe und Währung.

„Einmal mehr besteht Bedarf an Träumern, die denken, und an Denkern, die träumen. Es geht nicht darum ein Gesellschaftsmodell vorzulegen. Die Gesellschaft muss vielmehr in einer Art und Weise gesehen und analysiert werden, die mit Hilfe eines neuen konzeptuellen Gerüsts früher oder später einen Bruch mit der liberalen Ideologie zulässt.“
fordert Ignatio Ramonet.

Die seriöseren Mikronationen schaffen neue Systeme der Orientierung und der Koordination, gleichwohl deren Prüfung an realen Umständen noch aussteht. Das noch junge aber wachsende Phänomen indiziert insofern eine gesellschaftliche Avantgarde, die nicht auf die Entwicklungen der Zukunft warten will, sondern vielmehr auf diese einzuwirken beabsichtigt, d.h. ihren Erwartungen bzw. Forderungen an die Zukunft, an die Rolle des Staates, an die Leitideen der Gesellschaft einen öffentlichen, geistigen und physischen Raum geben will.

Um der „durchgängigen Kommerzialisierung von Wörtern und Dingen, Körper und Geist, Natur und Kultur...“ entgegen zu wirken fordert weiter der Direktor von Le Monde Diplomathique und Ehrenpräsident von Attac International dazu auf „eine andere Zukunft in Angriff zu nehmen“, wovon die weltweite Emanzipation der Frauen nur eine der konkret genannten politischen Zielvorgaben für das 21. Jhd. darstellt.

In den allzugänglichen Kommunikationsorganen der einzelnen Mikronationen, den Diskussionsforen, werden ebenfalls politische Zielvorgaben debattiert. Es werden häufig bessere Bedingungen für kommerzielle Unternehmungen (v.a. Steuerfreiheit), Schutz der Regenwälder als oberstes Prinzip, oder Ideen des Sozialismus sowie altbekannte, aber scheinbar vergessene Werte der Freundschaft, Freiheit (und damit Selbstverantwortung!) und Gerechtigkeit quer durch die Nationen genannt. Unterdessen entwickelt in der realen Welt Guido Palazzo auf Grundlage und in Differenzierung der politischen Theorie von Jürgen Habermas Thesen zur Demokratie der Mitte, die auf der Annahme basieren „dass Menschen lieber Subjekt als Objekt ihres Lebens sind und Gesellschaften so organisiert werden können, dass ihnen entsprechende Möglichkeiten gegeben werden“. Ohne Zweifel eine zentrale Zukunftsaufgabe. Während der deutsche Forschungsdialog Futur, eine vom BMBF geführte Foresight-Initiative (www.futur.de), das Ziel verfolgt den zukünftigen Bedarf der Gesellschaft in umfangreichen, interdisziplinären Experten-Workshops und –Konferenzen im Dialog zu erkunden und daraus Themenfelder für die Forschungspolitik zu entwickeln. Bürgerwünsche aus Mikronationen – eine Ideen-Fundgrube?? In der Zukunftsforschung wurde schon vielfach auf die Rolle der insbesondere Science-Fiction-Literatur als Ideenlieferantin (wenn nicht Ursache) für neue Kulturelemente, Technologien, Produkte und auch Werte der heutigen und zukünftigen Gesellschaften hingewiesen, wie es Karlheinz und Angela Steinmüller in zahlreichen Publikationen eindrucksvoll zeigen. Die in der Literatur weitgehend ausgeschöpften Ideen von gesellschaftlichen Utopien finden durch das Medium Internet, so scheint es, eine reizvolle Fortsetzung. Welche konkreten besseren Zustände, Zielvorgaben oder Ideen die an dem 1. Gipfel teilnehmenden Mikronationen anbieten, kann der interessierte Besucher des Amorph!03 Festivals selbst erfragen. In Helsinki werden auf der nahe gelegenen Halbinsel Harakka temporäre Botschaften eingerichtet, Vorträge von Abgesandten gehalten, Selbstdarstellungen präsentiert, Zeremonien abgehalten, und für den überzeugten „Überläufer“ Antragsformulare für die Staatszugehörigkeit bereitgestellt.

(Junge Welt Nr. 202 vom 30./31.08.2003, Feuilleton S. 13, Originalfassung)

 
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